Ein Platz der Stille im kargen und wilden Alentejo lädt Sie ein

Henrique, der Barbier

Morgens um 9 Uhr auf seinem Stuhl Platz zu nehmen, ist mehr als eine Notwendigkeit, ordentlich rasiert in den Tag entlassen zu werden. Diese Rasur ist ein besonderes Ritual. Es ist mehr, als sich zurückzulehnen und der ruhigen Hand, die die scharfe Klinge führt, zu vertrauen.

Es ist auch die genießerische Hingabe dem Duft des parfümierten Alkohols und dem erfrischenden Wedelns eines kleinen Handtuches.

Die folgende Entlohnung ist Teil des stillen Vertrages und da komme ich ins Nachdenken.

Für den gezahlten Preis erhalte ich nicht mal eine halbe Packung Zigaretten. Der fragende Blick in die tiefschwarzen Augen von Henrique, dem Barbier, bestätigt aber die Richtigkeit des großzügig aufgerundeten Geldes.

In diesen dunklen Augen sehe ich auch noch etwas anderes. Eine zufriedene, entspannte und aus dem Innersten seiner Seele herauskommende Freundlichkeit. Dieser von ihm geforderte Preis stimmt ihn überhaupt nicht unzufrieden. Auch stimmt er kein Klagelied über die hohen Kosten und Abgaben an.

Bei meinen nächsten Besuchen beobachtete ich mit großem und neugierigem Blick seinen antiquarischen Barbiersalon und seine emsige Geschäftigkeit.

Morgens führt er sein Handwerk alleine aus und bittet einen Kunden nach dem anderen freundlich auf seinen alten Stuhl. Das lederbezogene Sitzkissen wird routinemäßig nach jedem fertigen Haarschnitt gewendet. Keine Minute bleibt der Stuhl leer und unbesetzt. Unablässig und ohne Pause werden Haare geschnitten, Bärte rasiert oder Haarwuchsmittel veräußert.

Nachmittags unterstützt ihn ein junger Kollege der den zweiten Stuhl als Arbeitsplatz bestens kennt und auslastet. Henrique betreibt ein glänzend gehendes Geschäft.

Er ist nicht nur bestens über die Fußballpartien vom Vortag informiert, sondern auch ein geduldiger Zuhörer von alten Jagdgeschichten und neuestem Klatsch über die geheimsten Liebesverbindungen.

Sein Einblick in das soziale Leben der kleinen Stadt ist tief und weit vernetzt. Ein Traumjob und dies mit einer Preisliste aus dem vergangenen Jahrhundert.

Am vergangenen Sonntag bemerkte ich bei der nördlichen Ausfahrt aus dem schmucken Ort ein ansprechendes Anwesen. In landestypischer Architektur präsentierte sich ein Kleinod mit einem ganz besonderen Charme. Nahe dem Tor winkte mir freudig ein Mann, den ich nur zu gut kannte.

Es war Henrique, der Barbier.

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